Grüne Kahl

Ortsverband

 

Diese Rede wurde von Sylvia Hein während der Mahnwache gehalten:

Guten Abend!
Es scheint unfassbar, dass seit der Katastrophe von Fukushima bereits zehn Jahre vergangen
sind. Doch betrachten wir wie sich die Welt mit Corona binnen eines Jahres gewandelt hat, so hat
mittlerweile jeder Mensch erleben können und müssen, dass ein Ereignis alles, was bis dahin als
Normalität betrachtet wurde, aus den Fugen reißen kann.
Und so war es auch Heute, vor exakt 10 Jahren, am 11 März 2011, als ein Erdbeben der Stärke
9,0 unter dem Meeresboden an der japanischen Ostküste eine Katastrophe verursachte, die
ebenfalls alles bis dahin als selbstverständlich und normal geachtete für immer verändern würde.
Meterhohe Tsunamiwellen konnten die Schutzmauern des Kernkraftwerkes Fukushima Daiichi
einfach überspülen. Hinweise auf Risiken der verwendeten Reaktortypen und
Konstruktionsmängel waren bekannt und wurden doch ignoriert…
Was daraufhin und in den folgenden Tagen und Wochen passierte, möchte ich kurz
zusammenfassen:


Block 1-3 Kernschmelzen: Große Mengen an radioaktiven Emissionen werden freigesetzt. Die
gesamte Umgebung wird kontaminiert.
Bis zu 150.000 Menschen müssen das Gebiet vorübergehend oder dauerhaft verlassen.
Vier von sechs Reaktorblöcken sind zerstört worden, seit Dezember 2013 gelten sie als „dauerhaft
abgeschaltet“, doch die Entsorgungsarbeiten werden wohl noch Jahrzehnte dauern.
Die Schnellabschaltung der Reaktoren wird ausgelöst, während gleichzeitig die externe
Stromversorgung des Kraftwerkes ausfällt. Notstromdieselgeneratoren laufen.
Alle Blöcke schalten auf Notkühlung um.
Durch das eindringende Wasser werden mehrere der Notstromaggregate überschwemmt.
Betreiber TEPCO sagt, dass die Generatoren ausfielen, während 400 Mitarbeitende für den Notfall
mobilisiert wurden, die sich jedoch mit einem gestörten Kommunikationsdienst, zerstörten
Wegenetzen und Schäden an Türen und allen elektronischen Anlagen konfrontiert sahen und so
im Grunde genommen keine Möglichkeiten hatten irgendwelche Schutzmaßnahmen zu ergreifen.
Die laufende Unfallserie konnte nicht gestoppt werden, die inneren und äußeren
Rahmenbedingungen waren zu schwerwiegend.
In den nächsten Tagen kommt es zu Wasserstoffexplosionen, welche die Gebäude noch
zusätzlich beschädigen und jegliche Rettungsversuche weiter zunichte machten.
Hochkontamininertes Wasser ist ausgetreten und konnte ungehindert in das Meer fließen.
Während aller verzweifelter Maßnahmen ist die Strahlenbelastung merklich angestiegen.
Ich könnte hier noch viele Stunden berichten und erzählen von den Arbeitsbedingungen, den
Risiken für die dort Tätigen, von weitreichenden Entscheidungen wie das Kühlen mit Meerwasser,
Behelfskonstruktionen, der steigende Druck der Sicherheitsbehälter, mehrere Bränden, Aussagen
von TEPCO, der Regierung und den anhaltenden Unsicherheiten über Informationen und
Gesundheitsrisiken. Ich könnte auch noch lange ausführen welche Maßnahmen zu welchen
kleinen Erfolgen geführt haben, aber auch welche sich als Fehlentscheidungen erwiesen.


Ich möchte aber mit Ihnen gemeinsam genauer schauen, wie es in Fukushima jetzt aussieht - 10
Jahre nach der Katastrophe.
Die intakten Brennelemente konnten geborgen werden, im Februar 2021 standen die Maßnahmen
in Block 3 kurz vor dem Abschluss. Doch wo die Kernschmelze bereits eingetreten war, gibt es
keine Lösungen oder Konzepte: Weder für die Bergung noch für die Lagerungen der radioaktiven
Lava. Rund um das Kraftwerk selbst wurde die Präfektur Fukushima entseucht: Gebäude und
Straßen wurden abgewaschen, auf landwirtschaftlichen Flächen, aber auch in Parks und
Spielplätze wurden die oberen fünf Zentimeter Boden abgetragen. Auch heute stehen Säcke als
drohende Mahnung vor Ort, sie sind mit 14 Millionen Kubikmeter kontaminiertem Material gefüllt.


Diese und weitere Maßnahmen sind ergriffen worden um Fukushima wieder bewohnbar zu
machen, z.B. wird in der Landwirtschaft darauf gesetzt Kalium zu verteilen, das die Pflanzen statt
dem radioaktiven Cäsium aufnehmen. Doch gibt es nach wie vor Vorbehalte gegen Exporte aus
der Region, wenngleich ihre Lebensmittelsicherheit gewährt sei. Es gibt Prämien für Menschen,
die in die Region ziehen. Doch meist sind es die Älteren - Viele junge Menschen haben Angst vor
der Radioaktivität und vor weiteren Naturkatastrophen(Reinhart Böring: Fukushima zehn Jahre
nach der Katastrophe, 28.02.2021 auf ZDF Heute abgerufen).
Die Regierung versucht mit Milliarden die Region aufzuwerten. Auch soll sie eine Vorreiterrolle bei
erneuerbaren Energien einnehmen, insbesondere der Wasserstoffproduktion.


Die olympischen Spiele - verschoben, aber noch nicht abgesagt - sollen das Image der Region
stärken. Die Spiele als Symbol für einen gelungenen Wiederaufbau. Doch die Meinungen der
Menschen sind gespalten, die meisten fühlen sich von ihrer Regierung nicht gehört (Kathrin
Erdmann: Neuanfang nach der Katastrophe, abgerufen bei Deutschlandfunk Kultur vom
01.03.2021).
Erst am 21 Februar diesen Jahres gab es erneut ein schweres Erdbeben in der Region. Und es
war mehr dem Zufall als den Sicherungsmaßnahmen zu verdanken, dass die Tanks mit
tritiumhaltigem Abwasser nicht zerstört worden sind.


Die Katastrophe steht in Deutschland für den Anfang vom Ende der Atomkraft.
Nicht jedoch in Japan. Und je mehr das Thema „Klimawandel“ und die katastrophalen
Auswirkungen auf unsere Erde und alles, was dort lebt, debattiert wird, desto lauter werden
gerade auch die Stimmen der Atomkraft-Befürwortenden. Es heißt die globalen Klimaziele können
ohne Atomkraft kaum erreicht werden. Doch was vergessen Jene, die die Atomkraft als Heilmittel
unserer Klimaprobleme betrachten: Sie vergessen, dass das Problem einfach in die Zukunft
verschoben wird. Nach wie vor gibt es KEINE Antworten darauf, was mit atomarem Müll passieren
soll, es gibt KEIN Endlager in Japan, in den Vereinigten Staaten, es gibt KEINE (Sigward Deckel im
Gespräch mit Anja Reinhardt: „Die Atomenergie war eigentlich nie richtig weg“ abgerufen auf
deutschlandfunk.de vom 29.11.2020)!
Geld wird in veraltete Technologien gesteckt und frei nach dem Ausspruch „Nach mir die Sintflut“
wird gehandelt als gäbe es kein Morgen mehr. Wenn aber unsere Generationen etwas dazu
beitragen möchten, dass auch nachkommende auf diesem Planeten noch ein Zuhause finden,
dann muss sie sich von der Illusion der vermeintlich sicheren Atomenergie verabschieden. Dann
müssen sie sich noch einmal die Berichte und Bilder aus Fukushima betrachten, die auch zehn
Jahre später mahnend dafür stehen, das etwas vergleichbares jederzeit wieder möglich ist. Dann
müssen sie lautstark dafür eintreten, dass finanzielle und wissenschaftliche Ressourcen die
erneuerbaren Energien vorantreiben.


Wir als GRÜNE hier in Kahl fordern ganz konkrete Schritte, um uns in dieser Region deutlich zu
positionieren: Solarenergie an den öffentlichen Gebäuden, energetische Sanierungen,
Unterstützung für Bürger*innen bei der Installation eigener Solaranlagen, Speicher oder
Wärmeeinsparungen und das Einsetzen kommunalen Klimaschutzbeauftragten, die mit Fach- und
Sachkenntnissen aktiven Klimaschutz ermöglichen. Was vor Ort denkbar und möglich ist, sollte
auch vor Ort umgesetzt werden - Und zwar zeitnah.


Jeder Mensch soll und muss sich bewusst machen, dass er oder sie einen eigenen Beitrag zum
Klimaschutz leisten kann und mit seinem Verhalten direkt Einfluss darauf nimmt.
Seien Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst und wählen Sie einen verantwortungsvollen Umgang.
Für sich, für alle Lebewesen, die auf dieser Erde leben und für jene, die hier auch noch weiter
leben möchten ohne dass vergleichbare Katastrophen ihr Leben für immer negativ verändern.


Und nun bitte ich Sie einen Moment inne zu halten für die mehr als 20.000 Menschen, die
während und in Folge der Dreifach-Katastrophe von Fukushima ihr Leben verloren haben.
Halten wir auch einen Moment inne für all jene, die ihre Heimat, ihre Angehörigen, ihre
Lebensgrundlage verloren haben und auch zehn Jahre danach weit entfernt sind von einer
vermeintlichen Normalität.


Vielen Dank.


Quellen:
Reinhart Böring: Fukushima zehn Jahre nach der Katastrophe, 28.02.2021 auf ZDF Heute
abgerufen, Kathrin Erdmann: „Neuanfang nach der Katastrophe“ abgerufen bei Deutschlandfunk
Kultur vom 01.03.2021, Sigward Deckel im Gespräch mit Anja Reinhardt: „Die Atomenergie war
eigentlich nie richtig weg“ abgerufen auf deutschlandfunk.de vom 29.11.2020
https://de.wikipedia.org/wiki/Nuklearkatastrophe_von_Fukushima#

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